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Sagen zwischen Furcht und Faszination

Vorlesetag mit Kreisheimatpfleger Karl-Heinz Reimeier begeistert Schüler

Mit einer Mischung aus Schaudern, Staunen und herzhaftem Lachen verfolgten Schülerinnen und Schüler des LLG den diesjährigen Vorlesetag. „Vorleser“ war Kreisheimatpfleger Karl-Heinz Reimeier, der die Schüler auf eine lebendige Reise durch die Erzähltraditionen des Bayerischen Waldes mitnahm – von dämonischen Schlossfrauen bis zu geheimnisvollen Rauhnachtsgestalten.

Gleich zu Beginn erklärte Reimeier den Zuhörern aus den 5. Klassen, wie vielfältig die Welt der Sagen ist. „Es gibt zwei große Gruppen“, erläuterte er. „Erstens Erklärsagen: Sie versuchen auf fantasievolle Weise, Naturerscheinungen zu deuten.“ Als Beispiel nannte er den Lusen. Die markante Granitblockhalde wecke seit Jahrhunderten Geschichten darüber, wie sie entstanden sein könnte. „Und meistens“, schmunzelte er, „hat der Teufel seine Finger im Spiel.“

Ganz anders hingegen seien Erlebnissagen – sozusagen die „Weihrazgeschichten“ der Region. „Sie beruhen auf seltsamen, persönlichen Erlebnissen. Jemand hört etwas, sieht etwas, kann es sich nicht erklären – und schon entsteht eine Sage.“ Und genau diese Mischung aus Alltagsnähe und Unheimlichem machte die Vorlesestunde besonders spannend.

Ein Höhepunkt war die Erzählung von der Wecklin auf Burg Rammelsberg bei Schönberg. Die strenge, unbarmherzige Schlossfrau soll schon zu Lebzeiten gefürchtet gewesen sein. Nach ihrem Tod – so berichtet die Sage – weigerte sich ein Pferdefuhrwerk standhaft, den Sarg zu ziehen. „Nicht einmal 45 Rösser konnten ihn bewegen“, schilderte Reimeier. Erst als eine Krähe auf den Sarg flog, sich aufplusterte und dann davonstob, setzten sich die Pferde wie von selbst in Bewegung. „Das galt als Zeichen: Der Teufel hat die Seele der Wecklin geholt.“ Seitdem, so heißt es, „weihrazt“ sie in den Wäldern rund um den Rachel und sei in den Rachelsee verbannt.

Passend zur dunklen Jahreszeit sprach der Kreisheimatpfleger außerdem über die „Wilde Jagd“, die während der Raunächte durch die Lüfte fegt. Mit kraftvoller Stimme malte er den Schülerinnen und Schülern die Geräuschkulisse aus: „Gerassel, Schreien, Johlen, Heulen, Jammern, Ächzen, Stöhnen – alles, was Angst macht.“ Begleitet werde die Jagd von unbarmherzigen Jägern, armen Seelen, Hexen, Dämonen und wilden Tieren. Wer sich schützen wolle, müsse sich in einen Straßengraben oder eine Ackerfurche ducken – ein praktischer Tipp aus alten Zeiten.

Mehrere Beispiele zeigten, wie nah Sagen und Alltagsbeobachtungen beieinanderliegen. So könne es bei brütender Sommerhitze plötzlich „eiskalt“ werden oder beim Schafkopfspiel eine zusätzliche Stimme ertönen – und später stelle sich heraus, dass just in diesem Moment eine Nachbarin verstorben sei. „Früher gab man solchen Erlebnissen Sinn, indem man sie erzählte“, erklärte der Referent. Besonders dann, wenn jemand ein Versprechen gebrochen hatte, „weihrazt“ es eben – und die Angst war gewaltig.

Natürlich durfte auch der Teufel in den Geschichten nicht fehlen. Mit hörbarer Begeisterung berichtete Reimeier von jener bekannten Geschichte, in der ein Bauer ahnungslos mit seltsamen Gestalten Karten spielte. Erst als ihm eine Karte unter den Tisch rutschte, bemerkte er die „Goaßklewen“ – Ziegenhufe – seiner Mitspieler. „Dann hat er nur noch eines getan: das Weite gesucht.“

Zum Abschluss der Vorlesestunde wurde es beinahe tröstlich. Ein Soldat, so die letzte Sage, erhielt auf seinem nächtlichen Heimweg im dunklen Wald ein geheimnisvolles Licht. Als eine Stimme ihm sagte, er brauche nun keines mehr, erkannte er, dass seine verstorbene Mutter ihn begleitet hatte.

Die Schülerinnen und Schüler dankten mit langem Applaus. „Das war richtig spannend“, war von den Schülerinnen und Schülern zu hören.

Teil zwei des Vorlesetages erlebten dann die 6. Klassen mit den LLG-Lesepaten: Die Schülerinnen und Schüler aus der Q12, die als Lesepaten immer wieder auch an andere Schulen gehen, um gemeinsam mit jungen Lesern deren Lesekompetenz zu fördern, holten in Kleingruppen die Schüler aus den 6. Klassen ab, um mit diesen in die Welt des Lesens am LLG einzutauchen. Abenteuer- und Fantasyromane, bekannte Klassiker und neue Werke hatten sich dazu die Schüler mitgenommen. Und so wurde auch die Lesestunde für die 6. Klassen zu einer fantastischen Reise in die Welt der Bücher und Erzählungen. / hst

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